Jahrgang 12 besucht den „Zerbrochnen Krug“

Eine Kritik der Thalia-Inszenierung

von Emre A. aus der 12d (Schuljahr 2014/2015)

Im Rahmen des ersten Semesterthemas „Vom Umgang mit der Wahrheit“ besuchte der Deutschkurs der Jahrgangsstufe 12 am 26. Februar 2015 die Thalia-Inszenierung von Bastian Kraft zu Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“. Das Lustspiel handelt von einem Gerichtsprozess, in dem es um einen zerbrochenen Krug geht und in dem der Täter gefunden und bestraft werden soll. Lesen Sie hier eine Kritik eines Schülers zur der Inszenierung Krafts.

Zu langweilig für den Zuschauer?

Die Aufführung beginnt mit einem ausführlichen Monolog von Eve, in dem sie die Vorgeschichte erzählt. Da dieser Monolog sehr lang ist und von keinem dynamischen Bühnenbild begleitet wird (nur ein dunkler Hintergrund), wirkt er langweilig. Des Weiteren hilft die kindliche Stimme von Eve nicht, ihr Leid zu vermitteln. Nebenbei möchte ich erwähnen, dass dieser Monolog in der Lektüre am Ende des Lustspiels steht. Ich vermute, dass Kraft diese Szene an den Anfang gestellt hat, da sonst das Ende der Inszenierung langweilig gewesen wäre. Der Zuschauer könnte sich während der Inszenierung vorstellen, wie der Krug zerbrochen ist, und eine anschließende, ausführliche Erzählung am Ende wäre langweilig für den Zuschauer.

Zu modern für das Lustspiel?

Nach dem Monolog verschwindet Eve und der langweilige Hintergrund mit ihr. In einem Kasten, der je einen großen Spiegel links und rechts besitzt und oben geöffnet ist, führen Adam und Licht ein Gespräch. Dazu verwendet Kraft eine Videokamera. Auf den Hintergrund werden die Bilder, die die Videokamera aufnimmt, projiziert. Das Benutzen der Kamera macht den Dialog interessant und unterhaltsam. Die Zuschauer sehen genau die Mimik und Bewegungen einzelner Figuren. Darüber hinaus wird mit lauten Sounds gearbeitet. Der Zuschauer hat das Gefühl der Faszination. Doch nach einiger Zeit stören die lauten Sounds und das Hin und Her der Kamera. Der Zuschauer weiß nicht, wo man hinsehen soll: auf die beiden Hauptpersonen oder auf den Hintergrund? Auch das Übereinanderlegen von Bildern und Stimmen von anderen Figuren verwirrt. Man hat das Gefühl, man sieht sich gerade einen Actionfilm im Kino an. Dies führt dazu, dass der Zuschauer den Inhalt der Handlung nicht mehr versteht. Der rote Faden verliert sich und das Bühnenbild dominiert dadurch.

Zu lustig für die Gerichtsverhandlung?

Auch dieses Bühnenbild verschwindet mit den Figuren. Nun sind acht Kästen zu sehen, in denen je eine Figur mit ihrer eigenen Kamera ist. Von oben links nach oben rechts: Frau Brigitte, Walter, Adam und Licht; von unten links nach unten rechts: Veit, Ruprecht, Eve und Frau Marthe Rull. Diese Anordnung wird offenbar so gewählt, dass die Bürger unten und die Staatsdiener oben sind – mit Ausnahme von Frau Brigitte. Die Kästen schweben über der Bühne und wenn eine Figur aus seinem Kasten steigt, dann wackeln alle Kästen. Als nun Frau Marthe Rull ihren zerbrochenen Krug ausführlich und lang beschreibt, wirkt diese Szene nicht langweilig, im Gegenteil. Die Szene ist sehr unterhaltsam. Während Adam und Walter mit unterhaltsamen Handbewegungen und ihrer Mimik zeigen, dass sie ungeduldig sind, lockert Licht die Gerichtsverhandlung immer wieder auf. Ohne etwas zu bemerken und ganz ruhig, schreibt er mit einem quietschenden Stift sein Protokoll in die Luft. Das Quietschen wird durch einen akustischen Ton dargestellt und wirkt lustig. Durch diese Bewegungen und Töne wird die Gerichtsverhandlung immer wieder unterhaltsam.

Zu verwirrend für die Handlung?

Veit und Frau Brigitte stehen die meiste Zeit der Vorstellung nur in ihren Kästen. Dies ist einfach nur verwirrend und trägt nicht zur Handlung bei. Es stellt sich die Frage, warum Kraft Frau Brigitte die ganz Zeit im Kasten lässt. Später kommt es zum Umbau der Bühne und erst danach ist Frau Brigitte für die Handlung wichtig. Dann erst wäre ein Auftreten von Frau Brigitte sinnvoll.

Zu viel Umbau für die Gerechtigkeit?

In der Gerichtspause wird die Bühne umgebaut. Die Kästen werden auf den Boden gestellt, einige Figuren verschwinden wieder. Dieser Umbau stört die spannende und unterhaltsame Handlung. Nun wird aus der vorherige Bühne eine Wippe gebaut. Vermutlich soll sie die Waage der Justitia darstellen, die die Gerechtigkeit und somit die Wahrheit symbolisieren soll. Auf dieser Wippe kommt es zu einem Gespräch zwischen Walter und Adam. Zu bemerken ist, dass Walter von einer Frau gespielt wird. Ich vermute, dass Kraft dadurch die Beziehung zwischen Adam und Walter sehr deutlich machen wollte. Adam schmeichelt Walter, damit das aktuelle Gerichtsverfahren in den Hintergrund gedrängt wird. Es folgt nach dem Gespräch ein Dialog zwischen Adam und Eve auf der wackeligen Wippe. Danach wird wieder umgebaut. Am Ende stehen auf der Bühne die Kästen und nur in einen Kasten steigen alle Figuren ein – außer Adam. Er schlägt und hämmert auf den Kasten ein. Dadurch möchte Adam Unruhe in die Gerichtsverhandlung bringen.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Bastian Kraft mit seiner Inszenierung versucht hat, das Lustspiel zu modernisieren. Er verwendete viel Technik, doch blieb er bei der alten Sprache. Eine Sprache von heute würde das Lustspiel zu modern erscheinen lassen und würde, meiner Meinung nach, der Handlung nicht guttun. Des Weiteren wurde bei spannenden Szenen mit viel Sound gearbeitet. Darüber hinaus zeigte die Inszenierung, dass das Lustspiel auch lustig sein kann, denn beim Lesen wirkt die Komik nicht. Die Besetzung von Philipp Hochmair als Adam und Tilo Werner als Licht hat viel dazu beigetragen, dass das Lustspiel unterhaltsam ist. Der Zuschauer sieht, dass die beiden Schauspieler in ihrer Rollen waren.

 

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